Die optimale Versorgung des Kalbes nach der Geburt

Da Kälber im Vergleich zum Menschen ohne nennenswerte Abwehr geboren werden, sind sie auf eine über das Kolostrum vermittelte passive Immunabwehr angewiesen. Wie genau Sie vorgehen können, um die optimale Versorgung des neugeborenen Kalbes sicherstellen, erfahren Sie in diesem Artikel.

Kälber werden schutzlos geboren

Da neugeborene Kälber im Unterschied zum Menschen keine passive Immunität über die Plazenta erhalten und somit schutzlos geboren werden, ist die Erstversorgung mit Immunglobulinen über das Kolostrum direkt nach der Geburt entscheidend. Das Kolostrum, auch bekannt als Biestmilch, dient nicht nur dem passiven Schutz, sondern auch als Erstversorgung mit genügend Eiweiss, Vitaminen und Mineralstoffen. Ob der Aufbau der passiven Immunität durch die Aufnahme des Kolostrums allerdings ausreichend ist, hängt von der Qualität des Kolostrums, dem Zeitpunkt der Melkung, dem Zeitpunkt der Aufnahme und der aufgenommenen Menge ab.

Kälber werden ohne nennenswerte Abwehr geboren, da die mehrschichtige Plazenta der Kühe keine Übertragung von Antikörpern von der Mutter auf das Kalb zulässt. Bereits während der Geburt infizieren sich die Kälber mit Umgebungskeimen und möglichen Krankheitserregern. Ihre eigene aktive Immunabwehr entwickelt sich erst nach einigen Tagen und Wochen. Das Kalb ist deshalb für die ersten Lebensstunden, -tage und -wochen auf eine über das Kolostrum vermittelte passive Immunabwehr angewiesen.

Die Übertragung der Antikörper auf das Kalb über die Milch ist nur dank der porösen Beschaffenheit des Kalbdarms in den ersten 24 Stunden nach der Geburt möglich. Danach ist die Aufnahme von grossen Eiweissteilen gehemmt. Bereits ab vier Stunden nach der Geburt verringert sich die Absorptionsrate rasant. Es werden zum Beispiel nach 12 Stunden nur noch knapp 47 % der Immunglobuline (Antikörper) aufgenommen.

Der Gehalt an Immunglobulinen im Erstgemelk der Kuh ist der massgebliche Faktor für die Qualitätseinstufung des Kolostrums. Damit das neugeborene Kalb eine genügende passive Immunität erhält, sollte es mit mindestens 150 bis 200 g Immunglobulinen versorgt werden. Dies entspricht drei bis vier Litern Kolostrum mit einem Mindestgehalt von 50 mg/ml. Der Immunglobulingehalt von Kolostrum unterschiedlicher Tiere schwankt allerdings zwischen 10 bis 160 mg/ml und liegt im Durchschnitt nur bei 35 mg/ml. Daraus lässt sich schliessen, dass leider nur sehr wenige Tiere Kolostrum mit genügend hoher Qualität bilden. Welchen Einfluss der Zeitpunkt der ersten Melkung auf die Qualität des Kolostrums hat, ergibt sich aus der Bildung des Kolostrums. Das Kolostrum wird in den letzten vier Wochen der Trächtigkeit gebildet. Dabei kommt es durch den hormonellen Einfluss von Östrogen und Progesteron zu einer Absonderung von Bluteiweissen und Immunglobulinen in das Euter. Dieses Sekret wird als Präkolostrum bezeichnet. Die Bildung des Sekrets endet abrupt mit der Kalbung. Kurz vor der Kalbung wird das Präkolostrum durch die einsetzende Milchbildung verdünnt und bildet damit das Kolostrum. Je nach Milchleistung der Mutter, kommt es zu einer geringeren oder höheren Verdünnung des Kolostrums. Dies beeinflusst die Konzentration an Immunglobulinen im Kolostrum. Je später die Kuh nach der Geburt gemolken wird, desto mehr wurde das Kolostrum durch die einsetzende Milchbildung verdünnt.

Die Konzentration an Immunglobulinen in der Milch nimmt nach der Geburt stündlich um ca. 3,7% ab. Neben der Bereitstellung einer ausreichenden Menge an Immunglobulinen, ist auch das herdenspezifische Antikörperspektrum zu beachten. Ein kurz vor der Geburt zugekauftes, tragendes Tier, kann die Qualitätsbedingungen für ein gutes Kolostrum nicht erfüllen, da es für die Bildung von stallspezifischen Antikörpern einer zeitgerechten Exposition des Muttertiers mit diesen Keimen bedarf. Deshalb sollte den Kälbern solcher Tiere ein Kolostrum von bereits länger im Stall stehenden Kühen verabreicht werden. Die Vorratshaltung von tiefgefrorenem hochwertigem Kolostrum ist grundsätzlich für die Überbrückung kurzfristiger Defizite in der Kolostrumqualität und - erfügbarkeit immer zu empfehlen. Die Handhabung ist einfach, da es auch beim Auftauen in der Mikrowelle zu keiner qualitativen Veränderung kommt. Mögliche Kolostrumersatzpräparate sollten nur in Ausnahmefällen verwendet werden, da diese keine belastbare stallspezifische Immunität erreichen.

Vor der Konservierung von Kolostrum ist es gut zu überprüfen, ob dieses Kolostrum auch eine genügende Qualität aufweist. Dazu gehört eine optische Beurteilung nach der Farbe und der Konsistenz. Hochwertiges Kolostrum ist dickflüssig, dunkler und durch einen hohen Carotingehalt gelber als normale Milch. Dabei zu beachten ist, dass grundsätzlich Kühe in der zweiten Laktation geringere Immunglobulinwerte aufweisen als Erstlaktierende und Tiere ab der dritten Laktation. Die höchsten Gehalte haben Tiere ab der vierten Laktation. Für den Praktiker gibt es ebenfalls die Möglichkeit, die Qualität anhand von sogenannten Colostro Balls zu messen. Dabei werden die Kugeln in das Kolostrum getaucht und je mehr an der Oberfläche der Milch aufschwimmen, desto besser ist die Qualität.


3 Tipps für gesündere Kälber

  • Gewinnung des Kolostrums so schnell wie möglich nach der Kalbung
  • Verabreichung des Kolostrums in ausreichender Menge so schnell wie möglich → 3 bis 4 Liter innerhalb der ersten 4 bis 6 Lebensstunden
  • Überprüfung der Kolostrumqualität auf den Immuglobulingehalt

 

Quelle: Sarah Stübi, Agronomin

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Anwendungsbereich:
Rind

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Markus Kretz

Amrein Futtermühle AG

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