Weshalb Faser nicht gleich Faser ist

Das Schwein hat von Natur aus das Bedürfnis nach einer zeitintensiven Beschäftigung mit der Futtersuche- und Futteraufnahme. Da die heutige Haltung relativ reizarm erfolgt und hohe Leistungsansprüche stellt, kann es zu Verhaltungsstörungen oder gesundheitlichen Problemen kommen.

Das Schwein hat seit jeher das Bedürfnis nach Sättigung und nach einer zeitintensiven Beschäftigung mit Futtersuche und Futteraufnahme. Da die heutige Schweinehaltung relativ reizarm erfolgt und hohe Leistungsansprüche stellt, kann es zu Verhaltungsstörungen wie Schwanzbeissen oder gesundheitlichen Problemen wie HIS kommen.

Um diese Problematiken zu reduzieren, besteht das Ziel, Schweine durch eine ausreichende Sättigung ruhig zu halten und die Darmgesundheit positiv zu beeinflussen. Daher legt sich der Fokus verstärkt auf eine geeignete Faserfütterung beziehungsweise die Ergänzung mit Raufutter für Schweine. Als Mittel, die Tiere zu beschäftigen, das Sättigungsgefühl der Tiere zu erhöhen und die Darmperistaltik sowie die Darmgesundheit zu beeinflussen, nimmt der Stellenwert der Faser in der modernen Schweinefütterung stetig zu. Was analytisch und physiologisch hinter dieser nahezu unverdaulichen Futterkomponente steckt, erfahren Sie nachfolgend. 

 

Was ist Faser?

Kohlenhydrate lassen sich je nach chemischer Bindungsform grob in Stärke und Faser einteilen. Die Stoffgruppe der Faser lassen sich dabei weiter in Zellulose, Hemizellulose, Lignin und Pektin unterteilen. Die genaue Zusammensetzung der Faser wird durch die Pflanzenspezies und das Vegetationsstadium beeinflusst. Die wichtigsten Vertreter in der Futtermittelproduktion sind dabei Kleien, Rübenschnitzel, Trester und Schalen. Zur Charakterisierung dieser Faserträger werden analytische Werte wie auch die physiologische Wirkung betrachtet.

 

Chemische Analytik und Beurteilung der Faser

Die sogenannte Weender-Analyse gilt als Standardverfahren zur Rohstoffanalytik. Faser wird dabei als Rohfaser ausgewiesen. Fälschlicherweise werden bei der Analyse Faseranteile in Lösung gebracht, somit den Nichtfaser-Kohlenhydraten zugeordnet, was folglich den Fasergehalt der Probe verfälscht. Die erweiterte van Soest-Methode weist die Hauptkomponenten Zellulose, Hemizellulose und Lignin als NDF, ADF und ADL aus. Allerdings kommt es auch bei dieser Methode zu Verlusten, besonders bei pektinhaltigen Proben. Um auch diesem Verlust vorzubeugen, muss man sich der heute gängigen internationalen Methode der Lebensmittelanalytik zur Bestimmung von Ballaststoffen bedienen. Hinsichtlich dieser unterschiedlichen Me- thoden ist unschwer zu erkennen, wie unterschiedlich hoch die Beurteilung je nach Analytik hinsichtlich des Fasergehaltes ausfällt (Slama und Puntigam 2018).

 

Physiologische Wirkung der Faser

Fasern können von Schweinen ausschliesslich durch mikrobielle Fermentation im Blind- und Dickdarm abgebaut werden. Die Verdaulichkeit ist von Faser zu Faser sehr unterschiedlich und hängt von ihrer Zusammensetzung und dem Alter des Tieres ab. Je älter und schwerer das Tier ist, desto grösser ist auch das Fermentationsvermögen. Zuckerrübenschnitzel und Trester weisen beispielsweise aufgrund ihres erhöhten Pektingehaltes und der Löslichkeit der übrigen Faserbestandteile einen höheren fermentierbaren Anteil auf als Weizenstroh. Weizenstroh hat einen sehr hohen Lignin-Anteil und ist deshalb grösstenteils unlöslich (Slama und Puntigam 2018). Bei der Fermentation der Faser durch die Mikroorganismen entstehen Säuren, die dem Tier als Energie zur Verfügung stehen. Ebenfalls kommt es durch die Säuren zu einer Senkung des pH-Wertes im hinteren Verdauungstrakt, was sich wiederum durch die Begünstigung guter Mikroorganismen positiv auf die Tiergesundheit auswirkt. Die krankmachenden Keime werden durch die Faser bereits im Dünndarm beeinflusst. Durch die höhere Durchfluss- rate sinkt die Möglichkeit der krankmachenden Bakterien, sich an der Darmwand anzuheften und das Tier negativ zu beeinflussen. Die erhöhte Passagerate hat allerdings auch zur Folge, dass durch die kürzere Verweildauer im Darm die Nährstoffverdaulichkeit sinkt. Wiederum wird allerdings das Darmzottenwachstum durch die mechanische Stimulation der Darmschleimhaut gefördert, wodurch die Verdaulichkeit wiederum verbessert wird.

Mehr Ruhe und weniger Stress im Wartestall wirkt sich auch positiv auf die Zuchtschweine aus. Mit dem Quell- vermögen der Faser steigt das Sättigungsgefühl. Ebenfalls kann die Futteraufnahmekapazität durch die Volumensteigerung im Verdauungstrakt positiv gesteigert werden. Ausserdem verbessert sich die Kotkonsistenz, was im geburtsnahen Zeitraum Verstopfungen vorbeugt und somit das MMA-Risiko senkt. Das Quellvermögen und die Wasserbindekapazität der verschiedenen Faserkomponenten sind sehr unterschiedlich zu bewerten. Werden diese physikalischen Eigenschaften bei einer Rationsgestaltung berücksichtigt, können die positiven Eigenschaften der Faser gezielt genutzt werden.

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Anwendungsbereich:
Schwein

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Foto von  Christoph Scheuber

Christoph Scheuber

Amrein Futtermühle AG

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